Sledge-Eishockey: Russland auf Medaillenjagd

Die Sportart Sledge-Eishockey gibt es in Russland gerade erst seit fünf Jahren und doch sind die russischen Paralympioniken fähig, ihren Kontrahenten aus den USA und Kanada ordentlich Konkurrenz auf dem Eis zu machen.

Foto: Grigori Sysojew/RIA Novosti

Timur Ganejew, für Russland HEUTE

Bis zum Beginn der Paralympischen Spiele in Sotschi bleiben nur noch wenige Tage. Diese Spiele stellen dabei nicht nur eine Heimolympiade für Russlands Athleten dar, sondern auch ein Debüt. Denn Russlands Spitzensportler treten erstmals in der paralympischen Geschichte zusätzlich zu den Disziplinen Langlaufen, Biathlon, Skifahren, Rollschuhcurling und Para-Snowboard auch im Sledge-Eishockey an. Doch was ist Sledge-Eishockey genau?

Die meisten Spielregeln, das Spielfeld und die Ausrüstung entsprechen dem Eishockey. Der große Unterschied besteht in der Bewegung auf dem Eis: Die Spieler sitzen auf einem schmalkufigen Schlitten und verwenden zwei kurze Schläger mit Spikes, um vorwärts zu kommen. Zudem dauert ein Drittel nur 15 Minuten.
 

Die Entwicklung des russischen Sledge-Eishockeys

Russlands Sledge-Eishockeymannschaft wurde kurz nach den Spielen in Vancouver formiert und schaffte es, in nur dreieinhalb Jahren zur Weltspitze aufzusteigen. Die letztes Jahr bei den Weltmeisterschaften verdiente Bronzemedaille wollen die Russen nun mit Gold bei den Paralympischen Spielen in Sotschi toppen. Ihr großes Ziel ist es, ihre stärksten Kontrahenten, die USA und Kanada, vom Eis zu fegen.

„Vor sechs Jahren gab es in Russland noch niemanden, der Sledge-Eishockey spielte. Denn nur wirklich eingefleischte Eishockeyfans wussten, dass es diesen Sport überhaupt gibt“, erzählt Sergej Samojlow, Trainer der russischen Sledge-Eishockey-Mannschaft. „2007 begann ich, mich über diesen Sport zu informieren. Meine Hauptinformationsquelle waren damals Leute, die ich über das Internet kennengelernt hatte und die bereits live Sledge-Eishockeyspiele gesehen hatten. Langsam formierte sich dann auch ein Trainerteam. Unsere ersten Schlitten, die in Kanada produziert wurden, kauften wir auf gut Glück – erst später stellten wir fest, dass sich diese auch ganz einfach an die Bedürfnisse der Sportler anpassen lassen. So brachten wir uns diese Sportart praktisch selbst bei.“

Unterstützung erhielt die russische Mannschaft aber auch von außen, wie der Trainer hinzufügt: „2009, nach den nationalen Meisterschaften im Sledge-Hockey, fuhren wir zu einem internationalen Turnier nach Estland. Dort haben wir gegen die Lokalmatadoren haushoch verloren. Nach dem Spiel kam aber der estnische Trainer auf uns zu und erklärte jedem Spieler, wie er sich verbessern konnte. Der eine sollte den Schlitten weiter vorrücken, der andere sollte den Schläger fester anpacken und so weiter. So erlernten wir Stück für Stück diese neue Sportart.“

 

Kaderzusammenstellung im Internet und ab zur WM

Die derzeitigen Spieler der russischen Nationalmannschaft kamen buchstäblich per Anmeldung in die Mannschaft. „Auf der Webseite des Paralympischen Komitees erschien die Meldung, dass die russische Nationalmannschaft im Sledge-Eishockey noch Spieler suche. Ich entschied mich daraufhin, es zu versuchen, und schickte meine Anmeldung ab“, erinnert sich Dmitrij Lisow, nun Kapitän der russischen Nationalmannschaft.

Lisow erzählt, wie die endgültige Auswahl der Nationalmannschaft schließlich zustande kam: „Die Trainer setzten uns damals einfach auf Schlitten und ließen uns spielen. Wem der Sport gefiel, blieb. Bevor ich mit Sledge-Eishockey anfing, habe ich Fußball gespielt. Doch Fußball ist bislang keine paralympische Disziplin. Als man mich dann damals fragte, ob ich in der Sledge-Eishockey-Mannschaft bleiben möchte, war ich daher sofort einverstanden. Als ich die anderen Spieler beobachtete und sah, wie sich einer von ihnen verwegen in die Kurven legte und ein Tor schoss, dachte ich noch: „Was soll daran so schwierig sein?“ Doch ich wurde gleich eines Besseren belehrt, als meine ersten Schüsse direkt an die Bande gingen. Erst nach zwei oder drei harten Trainings begann sich meine Leistung zu verbessern.“

Die russischen Nationalspieler entwickelten sich innerhalb kürzester Zeit von Amateuren zu absoluten Profis, die derzeit zu den Besten der Welt zählen: Es dauerte lediglich drei Jahre, bis es in Russland insgesamt sechs Sledge-Eishockey-Klubs gab, in denen Menschen mit körperlicher Behinderung spielen, und bis die russische Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft den dritten Platz holte.

„Als die Mannschaft es schaffte, sich für eine internationale Meisterschaft zu qualifizieren, wurden wir von vielen ausgelacht. Sie dachten, dass wir alle Spiele verlieren würden. Doch wir konnten alle europäischen Mannschaften und sogar ein asiatisches Team besiegen. Die Einzigen, gegen die wir verloren haben, waren Kanada und die USA, aber auch ihnen können wir inzwischen Konkurrenz machen“, sagt der Trainer der Nationalmannschaft.

Das Wichtigste im paralympischen Sport ist allerdings nicht der Medaillenerfolg. Das Ziel besteht eher darin, über sich hinauszuwachsen und seine Befangenheit, die oft im Zusammenhang mit schweren Verletzungen entsteht, zu überwinden.

„Unserer Meinung nach kann einem Sledge-Eishockey dazu verhelfen, wieder zu einem normalen Leben zurückzufinden. Ein gutes Beispiel dafür ist der Spieler Ruslan Tutschin, der beide Beine verloren hat. Er hatte sich bereits mit dem Gedanken abgefunden, dass sein Leben zu Ende ist“, erzählt Lisow. „Acht Jahre lang verließ er seine Wohnung nicht mehr, bis er durch Zufall Sledge-Eishockey entdeckte. Seine Freunde hatten ihm eigentlich nur zum Spaß angeboten, einmal mit einem Schlitten zu fahren. Aber es gefiel ihm und er hing sich richtig rein, sodass er heute in der Nationalmannschaft ist. Inzwischen hat er auch eine eigene Familie – vor anderthalb Jahren wurde sein Sohn geboren. Er fühlt sich heute wieder als vollwertiger Mensch.“

 

Hohe Erwartungen in Sotschi

Die russische Sledge-Eishockey-Mannschaft hat überdies für die Paralympischen Winterspiele in Sotschi die Latte ziemlich hoch gesetzt – das Einzige, das für sie zählt, ist, Gold zu holen.

„Wir haben in den vergangenen Monaten sehr hart trainiert, wobei wir uns aber mehr auf die Taktik konzentriert haben und darauf, unsere Spielweise interessanter zu gestalten. Wir stürmen nicht mehr einfach nur in die gegnerische Hälfte und versuchen, den Gegner zu überrollen, sondern spielen in taktischen Kombinationen. In Europa spielt niemand so wie wir“, sagt der Nationalstürmer Igor Lomakin.

„Für die Paralympischen Spiele haben wir sehr viel trainiert und werden versuchen, unsere Konkurrenten auf dem Eis auszuspielen“, bekräftigt Lomakin, merkt jedoch an: „Auch alle anderen sind gut vorbereitet und träumen davon, Gold zu holen. Es wird nicht einfach für uns. Sledge-Eishockey in Nordamerika zum Beispiel wird auf einem völlig anderen Niveau gespielt. In Kanada gibt es rund 200 Sledge-Eishockey-Klubs, weswegen dort eine sehr große Konkurrenz unter den Spielern herrscht, wenn es darum geht, sich einen Platz in einem Klub zu sichern. Bei uns hingegen gibt es praktisch keine Konkurrenz. Es ist daher auch meine Hoffnung, dass die Spiele Sympathien in Russland für unseren Sport bringen, damit Sledge-Eishockey in ganz Russland bekannt wird.“

Die Paralympischen Winterspiele in Sotschi finden vom 7. bis 16. März statt. Dabei kämpfen die Sportlerinnen und Sportler in fünf Disziplinen um insgesamt 72 Medaillensätze. Bei den letzten Paralympischen Winterspielen im kanadischen Vancouver konnte Russland in der Gesamtwertung ein Spitzenergebnis erzielen: insgesamt 38 Medaillen, davon zwölfmal Gold, 16-mal Silber und zehnmal Bronze. Das Land mit den meisten Goldmedaillen und somit der Gewinner nach dem olympischen System war jedoch Deutschland mit 24 Medaillen – davon 13 Gold-, fünf Silber- und sechs Bronzemedaillen.

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