Russlands Eishockey-Team für Sotschi: Große Namen, markante Neulinge

Eishockey-Fans erwarten in Sotschi Spiele der Superlative. Die Nominierung hatte indes einige Überraschungen zu bieten.

Der 18-jährige Angriffsspieler von Dallas Stars Waleri Nitschuschkin ist einer der begabtesten Eishockeyspielern Russlands.  Foto: RIA Novosti

James Ellingworth, für Russland HEUTE

Wie Kinder auf den Nikolaus warteten die russischen Eishockeyspieler in dieser Woche mit angehaltenem Atem auf den großen Tag: die Verkündung des Mannschaftsaufgebots für die Winterspiele in Sotschi. Für manch einen, etwa für den 20-jährigen Wladimir Tarassenko von den St. Louis Blues, ließ die am Dienstag veröffentlichte Liste einen Kindheitstraum in Erfüllung gehen. Für andere wie Alt-Star Sergej Gontschar, der für die Dallas Stars spielt, war es eine Ernüchterung.

 

Die Stars sind (fast) alle dabei

Russlands große Namen beherrschen die Liste der 25 nominierten Spieler und verleihen dem gastgebenden Team ein beeindruckendes Potential. In der ersten Angriffsreihe stehen wahrscheinlich der Center Jewgeni Malkin von den Pittsburgh Penguins und der Flügelspieler Alex Owetschkin von den Washington Capitals und so spielen die leistungsstärksten NHL-Spieler der Gegenwart zusammen.

Ihr Tausch gegen die zweite Reihe, für die Pawel Dazjuk und Ilja Kowaltschuk vorgesehen sind, wird kaum Tempo herausnehmen. Es sind schließlich nur 1,583 NHL-Punkte, die die beiden von der ersten Stürmerreihe trennen. Diese Männer haben eindeutig beste Chancen, ihre Gegner zu bezwingen.

„Ich denke, Kanadas Angreifer spielen tiefer, die beiden ersten russischen Linien aber sind ebenso schlagkräftig wie die des kanadischen Teams, übertreffen diese vielleicht sogar in der Offensive”, so der kanadische Hockeyexperte Mike Ambrogio in einem Gespräch mit Russland HEUTE. „Jede Mannschaft mit Owetschkin, Malkin, Dazjuk und Kowaltschuk ist gefährlich, vor allem im Powerplay.”

Ein Name fehlt in diesem Aufgebot von Talenten: der für seine Eskapaden auf dem Eis wie auch abseits bekannte Flügelspieler der Carolina Hurricanes Alexander Semin. Er ist der einzige russische Top-Six-Angreifer der NHL, der nicht nominiert wurde.

Ebenso außen vor blieb Nail Jakupow, Flügelstürmer bei den Edmonton Oilers, der sich im zarten Alter von 20 Jahren bereits gerne mit dem Teammanagement anlegt und den Ruf eines Störenfrieds innehat – ein Signal von Russlands Trainer Sinetula Biljaletdinow, Problemspieler zu Hause zu lassen?

 

Favoritentreffen in der Vorrunde

Es ist 34 Jahre her, dass die USA die Sowjetunion während der Olympischen Winterspiele 1980 in Lake Placid mit dem historischen „Miracle on Ice“ fassungslos zurückließen. Dieses eine Spiel wird immer eine besondere Rivalität zwischen Russland und den USA begründen. Ein weiteres Kapitel aber wird in Sotschi 2014 geschrieben.

Russland und die USA spielen in der Vorrunde in Gruppe A und werden am 15. Februar in Sotschi im Bolschoi-Eispalast, angefeuert von zahlreichen angereisten Fans, aufeinandertreffen. Für eine besondere Würze sorgt die sensationelle 8:3-Niederlage Russlands im Viertelfinale der letzten WM gegen die USA. Dieses Debakel werden die Gastgeber in Sotschi vergelten wollen. Das lässt dennoch keine zuverlässigen Prognosen zu. Die Russen hatten zwar damals keinen Malkin, Kowaltschuk oder Dazjuk in ihrem Kader, den USA aber traute man mit einem jüngeren Team auch keinen Weltmeistertitel zu. 

Die anderen beiden Teams der Vorrundengruppe sind die Slowakei mit dem Schwergewicht Zdeno Chára von den Boston Bruins und einer Menge bemerkenswerter Talente und Slowenien, das außer dem Angriffsspieler Anže Kopitar keine weiteren bekannten Spitzenspieler aufgestellt hat.

 

Unstimmigkeiten in den Reihen

Bereits einen Monat vor Eröffnung der Winterspiele sind Spannungen im russischen Nationalteam zutage getreten. Grund ist der 18-jährige Angriffsspieler Waleri Nitschuschkin, der für Dallas spielt. Trainer Biljaletinow hatte dem Neuling erklärt, er müsse nun seine Nominierung für den Kader „rechtfertigen“, sie sei als eine Art „Vorschusszahlung“ zu verstehen. Generalmanager Alexej Jaschin widersprach dem öffentlich.

Und was, wenn das alles ein schlaues Management-Manöver ist? „Mit Nitschuschkin hat sich Russland frischen Wind in die Mannschaft geholt. Er ist jung, hat aber in der NHL mit Dallas bewiesen, dass er es mit den Besten aufnehmen kann”, sagte Ambrogio. „Dass er aufgestellt wurde, überrascht mich. Ich weiß nicht, ob es fair ist, als Trainer zu sagen, ein Spieler müsse seine Nominierung für das Team ‚rechtfertigen‘. Vielleicht spürt er aber, dass Nitschuschkin zu der Sorte Spieler zählt, die sich von derartigen Kommentaren motivieren lassen.”

 

Die KHL ist erwachsen geworden

Die NHL ist nicht mehr die einzige Profiliga auf weiter Flur. Zwar steht die um Russland zentrierte Kontinentale Hockey-Liga KHL kräftemäßig eindeutig auf dem zweiten Rang. Sie zeigt aber dennoch unübersehbar Präsenz im Eishockey-Kader des olympischen Gastgeberlandes. Von den 25 Russen des Teams sind zehn bei KHL-Vereinen unter Vertrag. Das ist zwar nur ein Spieler mehr als bei Olympia 2010, bezeichnend aber ist, um wen es sich handelt. Die Tage, als die KHL nur Ersatzspieler und Männer der vierten Reihe hervorbrachte, sind vorbei. Der frühere Starspieler der New Jersey Devils Ilja Kowaltschuk und Alexander Radulow, der früher für die Nashville Predators spielte, gehören zur Weltspitze des Hockeys. Außerdem dürfte Dynamo-Moskau-Torwart Alexander Jerjomenko den Vorzug vor den bekannteren NHL-Torhütern im Team – Semjon Warlamow von Colorado und Sergej Bobrowski von Columbus – bekommen.

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