Olympische Winterspiele: Gold ist Tradition

Ob Eisschnelllauf, Skilanglauf oder Biathlon – sowjetische Sportler liefen immer an der Spitze. Kann Russland diese Tradition fortsetzen?

1964 in Innsbrick schaffte Lidija Skoblikowa das, was vor ihr noch nie jemand geschafft hatte: Sie trat den Lauf viermal an und viermal ging als Siegerin mit einer Goldmedaille aufs Podium. Foto: RIA Novosti

Timur Ganejew, für Russland HEUTE

 

Bei den Olympischen Spielen in Vancouver 2010 belegte die russische Nationalmannschaft den elften Platz im Medaillenspiegel, wobei sie nur drei  Goldmedaillen holte. Sehr bald werden die Russen die Gelegenheit haben, sich nach dem Misserfolg in Kanada zu rehabilitieren. Nach Meinung des Sportministers Witalij Mutko könne die Mannschaft sieben bis neun Goldmedaillen und den dritten Platz bei der Gesamtauszählung erringen.


Der Uralblitz, der Innsbruck bezwang

Sportler aus Sowjetzeiten werden über solche Aussagen eines Ministers nur lächeln. Für die, die in den Formationen der UdSSR am Start waren, gab es kein anderes Ziel als den ersten Platz. So erhielt die legendäre sowjetische Eisschnellläuferin Lidija Skoblikowa während ihrer Karriere doppelt so viele goldene Olympiaauszeichnungen wie 2010 die gesamte russische Nationalmannschaft.

Skoblikowa ist in einer gewöhnlichen sowjetischen Familie in dem Uralstädtchen Slatoust geboren. Um am Wochenende ins Kino gehen zu können, sparte sie das Geld für die Straßenbahn unter der Woche und ging die zwölf Kilometer bis zur Schule zu Fuß. Die harten Lebensbedingungen härteten diesen zukünftigen Star des Eisschnelllaufs ab: Im Training konnte sie jede physische Anstrengung aushalten. Wie die Rekordhalterin erzählt, habe jede Trainingseinheit aus 40 Minuten Aufwärmen, einem Geländelauf und zwölf Beschleunigungsläufen à 500 Meter bestanden. Das anstrengende Training zahlte sich aus: Schon mit 20 Jahren kam Skoblikowa in die Nationalmannschaft der Sowjetunion und mit 21 nahm sie an den Olympischen Spielen 1960 teil.

In dem amerikanischen Squaw Valley wurde die sowjetische Hymne gleich zweimal für die junge Sportlerin aus dem Ural gespielt, die die Schnellste auf zwei Distanzen war, in 1 500 und 3 000 Metern. Damals hat noch niemand ahnen können, dass es nur der Anfang einer siegreichen olympischen Karriere sein würde, die von Skoblikowa vier Jahre später fortgesetzt wurde.

Die Spiele in Innsbruck wurden von der ganzen Welt als die „Skoblikowa-Olympiade“ bezeichnet. Der bereits 24-jährige „Uralblitz“ schaffte das, was vor ihr noch nie jemand geschafft hatte: Lidija Skoblikowa trat den Lauf viermal an und viermal ging sie als Siegerin mit einer Goldmedaille aufs Podium. Im Eisschnelllauf gewannen Asse wie der Schwede Clas Thunberg, die Norweger Ivar Ballangrud und Hjalmar Andersen sowie der „Fliegende Holländer“ Ard Schenk maximal drei Medaillen, so blieb der Rekord Skoblikowas bis heute ungeschlagen.

„Für Sotschi wünsche ich unseren Sportlern großen Erfolg, aber ich glaube leider nicht, dass wir das Ergebnis von Vancouver stark verbessern können“, sagt Skoblikowa. Sie meint, dass es in Russland keine großen Sportler mehr gebe: „Das Land hat eine Bevölkerungskrise, außerdem haben Kinder jetzt neue Hobbys.“


Ljubow Jegorowa: Von der Loipe in die Politik

Foto: Imago/Legion Media

Skoblikowa teilt ihren Medaillensegen mit einer weiteren herausragenden russischen Sportlerin: der Skilangläuferin Ljubow Jegorowa. Den ersten großen Erfolg erreichte Jegorowa bei der Weltmeisterschaft in Cavalese 1991, wo die Sportlerin mit dem Staffellaufteam zur Weltmeisterin wurde und anschließend die Bestzeit im 30-Kilometer-Rennen lief. Ein Jahr später nahm Jegorowa an den Olympischen Spielen in Frankreich teil. In Albertville errang Jegorowa Gold in den Fünf- und 15-Kilometer-Rennen. Im Fünf-Kilometer-Sprint hatte sie einen Vorsprung um nur acht Sekunden vor ihrer Verfolgerin, doch in einem harten Kampf schaffte es Jegorowa, als Erste die Zielgerade zu passieren. Im Staffellauf waren die russischen Frauen um 20 Sekunden schneller als die Norwegerinnen, und so wurde die gebürtige Tomskerin dreifache Olympiasiegerin.

In den Spielen 1994 im norwegischen Lillehammer zeigte Jegorowa erneut ihr Können: Einen Sieg in den Rennen auf fünf und zehn Kilometer und im Staffellauf vier mal fünf Kilometer. In Sankt Petersburg, wohin Ljubow Jegorowa nach ihrem Schulabschluss umgezogen war, wurde sie mit Ehren empfangen. Der Bürgermeister überreichte ihr die Schlüssel für eine neue Wohnung und durch einen Erlass der Präsidentin bekam Jegorowa den Titel einer „Heldin Russlands“.

Ein Doping-Skandal beendete ihre Sportkarriere. Bei der Weltmeisterschaft 1997 in Trondheim wurden in ihrer Doping-Probe Spuren einer verbotenen Substanz ermittelt. So bekam Jegorowa eine zweijährige Disqualifizierung, die einen Schlussstrich unter ihre Karriere als Skiläuferin setzte.
Doch Jegorowa verließ den Sport nicht. Seit März 2007 ist sie Abgeordnete der gesetzgebenden Versammlung Sankt Petersburgs und Koordinatorin für die sportlichen Strategien der nördlichen Hauptstadt.

Ihre Einschätzung zu den bevorstehenden Spielen? „Ich habe ein gutes Gefühl bei Sotschi. In Russland ist eine neue Generation von talentierten Sportlern herangewachsen. Auch die eigenen vier Wände sollten helfen: Die Richter sind immer nachsichtiger mit den Gastgebern. Ich muss gestehen, dass wir im Moment hinter Kanada, den USA und Deutschland zurückbleiben, doch wir können uns auf Augenhöhe mit asiatischen und skandinavischen Ländern messen.“


Alexander Tichonow: Ein Sieger mit Herzfehler

Foto: Imago/Legion Media

Der höchstdekorierte russische Sportler in den Wintersportarten, der Biathlonsportler Alexandr Tichonow, durchlief, bevor er zum großen Champion gekürt wurde, viele harte Überlebensproben. Er kam mit einem angeborenen Herzfehler auf die Welt und fiel mit fünf Jahren in einen Topf mit heißem Wasser. Er verbrachte ein ganzes Jahr im Krankenhaus, wo seine starken Verbrennungen behandelt wurden.

Den Skisport entdeckte Tichonow erst in den letzten Schuljahren für sich: Nach dem Schulabschluss hat er sich allerdings nicht für die Sportakademie beworben, sondern zog es vor, den Beruf des Maurers zu erlernen. Als er bei einem Wettkampf für seine Ausbildungsstätte antrat, zeigte er hervorragende Ergebnisse, die die Aufmerksamkeit nicht nur der Skimannschaft der Region, sondern bald auch die der Nationalmannschaft der UdSSR auf sich zogen. Doch in die sowjetische Nationalmannschaft schaffte er es nicht: Wegen einer Fußverletzung konnte Tichonow nicht an der Weltmeisterschaft teilnehmen. Stattdessen fuhr er nach Estland zur Rehabilitation, wo die sowjetische Biathlonmannschaft trainierte.

Diese Fahrt war es, die das Schicksal des großen Champions besiegelte: Der in Tscheljabinsk geborene Sportler nahm das Gewehr in die Hände und behielt es für die nächsten 14 Jahre. In dieser Zeit schrieb Alexandr Tichonow alle Rekorde dieser Sportart um. Er ist vierfacher Olympiasieger, errang die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 1968 in Grenoble, ist elffacher Weltmeister und war 15-facher UdSSR-Champion. Lange Zeit führte Tichonow die Biathlonunion Russlands an und leitete von 2002 bis 2009 die Internationale Biathlon-Union.

„Ich gebe keine Prognosen ab, weil ich mich nur selten in ihnen irre. Bislang habe ich allerdings ein schlechtes Gefühl, was die anstehende Medaillenauszählung angeht“, bemerkte Tichonow im Gespräch mit Russland HEUTE.
 

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