Julia Lipnizkaja: Prinzessin auf dem Eis

Die fünfzehnjährige Julia Lipnizkaja ist die jüngste Goldmedaillen-Gewinnerin in der Geschichte der Olympischen Winterspiele.

Die russische Eiskunstläuferin Julia Lipnizkaja ist eine Perfektionistin. Selbst nach einem Sieg kann sie unzufrieden sein. Foto: RIA-Novosti

Anna Kosina, für Russland HEUTE

Die russische Eiskunstläuferin Julia Lipnizkaja hat im Mannschaftswettbewerb für das russische Team in Sotschi Gold geholt und wurde damit zur jüngsten Olympiasiegerin in der Geschichte der Olympischen Winterspiele. Die Sportlerin errang den Titel im Alter von 15 Jahren und 249 Tagen.

Damit schlägt sie den Rekord der Amerikanerin Tara Lipinski, die 1998 im Alter von 15 Jahren und 255 Tagen Gold gewann. Im Vorfeld der Winterspiele bemerkte diese in einem Gespräch mit der Zeitung „The New York Times“, bei Lipnizkaja müsse man sich auf jede Überraschung gefasst machen. Damit meinte sie wohl vor allem den Einzellauf der Damen. Hier könne die Russin Gold holen, was bislang noch nicht erreicht wurde.



Zum Eiskunstlauf geboren

Julia kam in Jekaterinburg zur Welt, wo sie im Alter von vier Jahren mit dem Eiskunstlaufen begann. Ihre Perspektiven in der Ural-Metropole waren jedoch begrenzt. Daher zog sie 2009 nach Moskau, wo sie Unterricht bei Eteri Tutberidse nahm. Lipnizkaja erinnert sich, dass sie kurz davor gestanden habe, alles hinzuschmeißen und in die Welt eines normalen Mädchens zurückzukehren, hätte Tutberidse sie nicht in ihre Gruppe aufgenommen. Dazu entschloss sich die Profi-Trainerin aber sehr schnell. Sie begriff sofort, dass Julia Lipnizkaja das Potenzial zu einer großen Karriere hat.

In der Saison 2011/2012 gewann Lipnizkaja alle Juniorenturniere, an denen sie teilnahm, unter anderem das Grand-Prix-Finale und die Weltmeisterschaft. Im darauf folgenden Jahr gewann sie bei zwei Etappen der ISU-Grand-Prix-Serie in der Klasse der Erwachsenen. Im Finale konnte sie jedoch nicht laufen, da sie während des Trainings eine leichte Gehirnerschütterung und eine Verletzung am Kinn erlitten hatte.

Seit dem Einsetzen der Pubertät hat Lipnizkaja mit der Zunahme an Größe und Gewicht zu kämpfen. Ihre erste Trainerin Jelena Lewkowez erinnert sich, dass sie ihre Sportkarriere 2013 sogar beenden wollte: „Sie verstand nicht, was mit ihr passierte, was sie mit ihren Armen und Beinen machen sollte. Beim Training ging einiges daneben.“

Obwohl Julia Lipnizkaja ein Mädchen von zarter Gestalt ist, kämpft sie jeden Tag mit ihrem Gewicht. „Mir ist so etwas während meiner Arbeit noch nicht begegnet. Sobald sie isst, nimmt sie enorm zu“, erzählt Tutberidse. Die Trainerin ist jedoch vom Ehrgeiz ihrer Schülerin, die in der Eiskunstschule den Spitznamen „Tantschik“ (die Verkleinerungsform von russisch „Tank“ – dt. „Panzer“) hat, sehr beeindruckt: „Wenn sie abnehmen muss, dann ernährt sie sich nur von Ballaststoff-Pulver, das ihr Energie gibt. Aber sie kommt damit klar, Gott sei Dank. Sie hat einen sehr starken Charakter.“



Getrieben vom Perfektionismus

Verfolgt man die Auftritte von Lipnizkaja, so hat man den Eindruck, als gingen ihr diese eindrucksvollen Pirouetten im vollen vertikalen Spagat, in denen sie die höchsten vier Schwierigkeitsniveaus und Ausführungsbewertungen von „+3“ erreicht, mit großer Leichtigkeit von der Hand.

In ihrem sportlichen Leben jedoch bekommt Lipnizkaja nichts geschenkt. „Ihr glaubt nicht, wie viele Stunden ich an meiner Dehnbarkeit arbeite. Wenn ich auch nur ein paar Tage aussetze, fühlt sich mein Körper an wie ein Stück Holz. Die Muskeln verweigern sofort ihren Dienst“, erklärt der junge Eiskunstlauf-Star.

Julia Lipnizkaja ist eine Perfektionistin. Selbst nach einem Sieg kann sie unzufrieden sein, wie etwa nach ihrem zweiten Olympia-Lauf: „Die Sprünge kamen nicht so, wie ich wollte, die letzte Pirouette hätte besser sein können.“ Doch sie beschwichtigt: „Ich bin noch nicht so weit, mir meine Fehler verzeihen zu können. Vielleicht kommt das mit der Zeit und der Erfahrung, sodass ich eines Tages wie Carolina Kostner selbst nach einem Sturz bei der Europameisterschaft noch lachen kann.“

Tutberidse bestärkt ihre Schülerin in ihrem Ehrgeiz: „Julia wurde in der Mitte ihres Programms nervös. Das ist ganz normal. Wir werden diesen Lauf auswerten und bis zum nächsten Turnier an den Schwachstellen arbeiten. Wir haben noch einige Arbeit vor uns.“

Lipnizkajas nächster Start folgt am 19. und 20. Februar im Einzelwettbewerb. Um Abstand von der Euphorie der ersten Goldmedaille zu gewinnen, sich den begeisterten Blicken entziehen und in Ruhe trainieren zu können, ist Julia am 10. Februar nach Moskau zurückgekehrt. Dort steht ihr die ganze Eisbahn zur Verfügung.


Die Konkurrenz kommt aus Italien und Japan

Lipnizkajas Konkurrentinnen haben Erfahrung und Medaillen vorzuweisen. Ihre wichtigsten Konkurrentinnen sind die Italienerin Carolina Kostner, Weltmeisterin aus dem Jahr 2012 und fünffache Europameisterin, sowie die Japanerin Mao Asada, Gewinnerin der Silbermedaille der Olympischen Winterspiele 2010 und zweifache Weltmeisterin (2008, 2010). Im Mannschaftswettkampf konnte Lipnizkaja die Japanerin bereits schlagen.

Weitere Herausforderinnen sind die Südkoreanerin Kim Yu-na, Olympiasiegerin in Vancouver und zweifache Weltmeisterin, und schließlich die Russin Adelina Sotnikowa, die gemeinsam mit Lipnizkaja 2014 auf dem Siegertreppchen der Europameisterschaften stand.

Lipnizkajas Konkurrentinnen können allerdings kaum mit vergleichbarer Unterstützung von der Tribüne rechnen. „Man hat mich oft vorgewarnt, die Zuschauer würden so schreien, dass man selbst die Musik nicht mehr hören könne – beim Aufwärmen, überall und immer. Grundsätzlich war ich also darauf vorbereitet. Aber mit einer solchen Lautstärke hatte ich wirklich nicht gerechnet. Zum Glück hat mir das alles aber geholfen“, erinnert sich Julia Lipnizkaja.

Für den weiteren Verlauf der Wettkämpfe verspricht sie, ihr Bestes geben zu wollen. „Das Wichtigste wird sein, dass ich in Form bin und mich auf dem Eis gut fühle, dass es gleitet, wenig bröckelt. Ich bemühe mich, auch weiterhin meinen Job gut zu machen. Ich werde mich erst nach Abschluss aller Wettkämpfe als Olympiasiegerin fühlen.“

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