Jewgeni Pljuschtschenko: Sprung auf die Siegertreppe

Eiskunstlauflegende Jewgeni Pljuschtschenko startet beim Heimspiel in Sotschi zum vierten Mal bei Olympia. Wird er gegen die junge Konkurrenz bestehen können?

Foto: Reuters

Anna Kosina, für Russland HEUTE

Die Spiele in Sotschi sind bereits die vierte Olympiade des russischen Eiskunstläufers Jewgeni Pljuschtschenko. Zwei Silbermedaillen und eine Goldmedaille brachte er seit 2002 nach Hause. Aber Pljuschtschenko hat noch mehr vor, sein Ziel lautet: „Ich möchte unerreichbar werden.“

Tatsächlich sind vier Olympiateilnahmen eine Seltenheit. Außer Pljuschtschenko ist das bisher nur dem Franzosen Brian Joubert, für den Sotschi ebenfalls die vierte Teilnahme darstellt, und dem Schweden Gillis Grafström gelungen. Letzterer ist mit dreimal Gold und einmal Silber der erfolgreichste Eiskunstläufer im Herren-Einzel bei den Olympischen Spielen. Pljuschtschenko hat recht, wenn er sagt: „Vielleicht werden andere an drei Olympiaden teilnehmen, an vier jedoch kaum. Das ist wenig realistisch.“

Warum er glaubt, seinen Traum verwirklichen zu können, erklärt er so: „Weil ich einzigartig bin – ganz unbescheiden gesagt, obwohl ich eigentlich ein bescheidener Mensch bin. Aber ja, Gott hat mir Talent geschenkt, Ehrgeiz und Fleiß.“

 

Vorolympische Intrige oder gute Taktik?

Nach den russischen Meisterschaften im Dezember 2013 in Sotschi hatte sich Jewgeni Pljuschtschenko noch weniger selbstbewusst gezeigt. Nachdem er mit seiner Kurz-Kür den ersten Platz belegt hatte, verlor er den ersten Platz in der Gesamtwertung an das 18-jährige Nachwuchstalent Maxim Kowtun. Nach dieser Niederlage sah er seinen Platz nur noch im Mannschaftswettbewerb. Das russische Reglement für die Olympiateilnahme sieht nur lediglich einen einzigen Platz im Herren-Einzel vor, der eigentlich an den Erstplatzierten der russischen Meisterschaft vergeben wird. Doch Kowtun wurde ausgebootet. Bei den folgenden Europameisterschaften im Januar 2014 in Budapest, an denen Pljuschtschenko nicht teilnahm, zeigte sich der junge Kowtun dem Druck nicht gewachsen und wurde nur Fünfter – nach seinen russischen Kollegen Sergej Woronow und Konstantin Menschow.

Pljuschtschenko hatte indes seine Kampfeslust wiedergefunden und angekündigt, der Kampf um das Ticket nach Sotschi sei noch nicht beendet. Der russische Eiskunstlaufverband berücksichtigte offensichtlich  Seine ausgezeichnete Kurz-Kür bei den russischen Meisterschaften und gab ihm den Platz im olympischen Herren-Einzel. Kowtun nimmt nun gemeinsam mit Woronow als Reserveläufer an den Olympischen Spielen in Sotschi teil.

Auch Pljuschtschenkos Trainer Alexej Mischin betonte, dass sein Schützling die Olympia-Teilnahme mit seiner Kurz-Kür bei den russischen Meisterschaften verdient habe: „Sein Lauf heute war sogar besser als bei den Spielen in Vancouver. Er hat alles aus sich herausgeholt und einen absolut fehlerfreien vierfachen Toeloop sowie eine Kombination aus vierfachem und dreifachem Toeloop und zwei dreifache Axel gezeigt. Aus Nervosität hatte er beim ersten Sprung zwar leicht die Hand am Boden, der dreifache Lutz und der dreifache Salchow waren dann aber wieder perfekt. Der Lauf war emotional. Das war Pljuschtschenko, wie wir ihn kennen“, sagte der Trainer sichtlich stolz.

„Das ganze Land fiebert dem Auftritt von Pljuschtschenko bei der Olympiade entgegen. Und eine Fangruppe aus Japan kann jetzt auch beruhigt sein. Diese wollte nämlich, wie ich weiß, auf die Anreise zur Olympiade verzichten, sollte Jewgeni nicht laufen.“

Auch Pljuschtschenko selbst gab sich hoffnungsfroh: „Ich fühle mich wunderbar. Gott sei Dank habe ich keine Probleme mit meinen alten Verletzungen. Ich bin sicher, dass ich physisch in der Lage sein werde, alle vier Programme bei den Spielen zu absolvieren. Der Mannschaftswettbewerb findet am 6. und 9. Februar statt, der Einzelwettbewerb am 13. und 14. Februar. Es gibt also genügend Erholungsphasen.“

Die meisten Fachleute sind sich einig, dass Pljuschtschenko gegenwärtig der richtige Mann für das Team sei. Der Olympiasieger von 2006 im Paarlauf Maxim Marinin begrüßte die Entscheidung des Eiskunstlaufverbands und des Sportministeriums: „Bei Olympiaden ist Erfahrung meist wichtiger als jugendlicher Elan. Maxim Kowtun imponiert mir sehr, aber in der gegenwärtigen Situation wäre es die richtige Entscheidung, Jewgeni Pljuschtschenko zu den Spielen zu schicken. Der liefert zumindest eine konstante Leistung. Ob das für den Sieg oder die Medaillenränge reichen wird, weiß ich aber nicht, denn im Einzelwettbewerb bei den Männern ist das zu großen Teilen ein Glücksspiel.“

 

Ist die Konkurrenz besser?

Aber es gibt auch Stimmen, die behaupten, Pljuschtschenko habe seinen Zenit bereits überschritten. „Ich habe größten Respekt vor Jewgeni Pljuschtschenko. Er hat den Eiskunstlauf enorm geprägt und zu seiner Zeit eine Revolution in diesem Sport vollbracht“, sagt der amerikanische Eiskunstläufer Johnny Weir, fügt aber hinzu: „Ich will ihm seine Klasse keinesfalls absprechen, doch die jungen Eiskunstläufer aus Kanada und Japan sind eine ganze Klasse besser. Und auch wenn man einem alten Hund möglicherweise doch noch neue Tricks beibringen kann, so ist das ein schwieriges Unterfangen.“

Zu Recht erinnert Weir an den dreifachen Weltmeister, den 23-jährigen Kanadier Patrick Chan, und an den Sieger des Grand-Prix-Finales, den 19-jährigen Japaner Yuzuru Hanyū, die von den Wertungsrichtern schon mehrfach Rekordwertungen erhalten haben. Chan hält mit 295,27 Punkten den Rekord für zwei Läufe sowie mit 196,75 Punkten den Rekord in der Kür. Im Kurzprogramm führt Hanyū mit 99,84 Punkten. Den Rekord für das höchste Ergebnis nach dem ISU-Wertungssystem hält Pljuschtschenko mit 263,25 Punkten.

Möglicherweise ist das Team um Pljuschtschenko auch deshalb vorsichtig mit seinen Medaillenprognosen. „Jewgeni und ich haben die richtigen Starts gewählt, um uns in aller Ruhe und mit Sorgfalt auf die Spiele vorzubereiten – genau so, wie man einen Sportler für den Höhepunkt einer Saison topfit macht“, erklärt Alexej Mischin. Ist die olympische Goldmedaille das erklärte Ziel? Mischin weicht aus: „So würde ich das nicht sagen. Wir haben das Ziel, unser Land bei der Olympiade würdig zu vertreten. Das ist für uns die Hauptsache.“

Pljuschtschenko selbst hat seine Aufgabe so beschrieben: „In Salt Lake City war ich noch zu grün, in Turin habe ich mir einen Traum erfüllt und in Vancouver habe ich ein wenig unterschätzt, wie einem die Wertungsrichter einen Strich durch die Rechnung machen können. Es wäre falsch, sich jetzt schon über Platzierungen Gedanken zu machen. Ich muss einfach mein Ding durchziehen.“


Jewgeni Pljuschtschenko war der erste Eiskunstläufer in der Geschichte, der bei Wettkämpfen eine Kombination aus vierfachem Toeloop, dreifachem Toeloop und dreifachem Rittberger sprang (beim Russland-Cup 2002), und der erste Mann, der die Biellmann-Pirouette im Programm hatte. Anfang 2013 hatte er eine Bandscheibenoperation. Entgegen der ärztlichen Empfehlungen, seine Karriere zu beenden, trainierte er sich seine Sprünge wieder an und kehrte in den Wettkampfsport zurück.

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