Eishockey: Russlands Traum vom Gold

Die Erwartungshaltung an die russische Eishockeymannschaft ist groß – möglicherweise zu groß?

Die Mannschaft der GUS erfreute ihre Fans nur ein einziges Mal mit olympischem Gold, und zwar 1992 in Albertville, als sie nach dem Zerfall der Sowjetunion als „Vereintes Team“ auftrat. Foto: RIA-Novosti

 

Ilja Subko, für Russland HEUTE

Man hatte hier schon immer ein besonderes Verhältnis zum kanadischen Spiel mit Schläger und Puck. 1956 nahm die Nationalmannschaft der UdSSR erstmals an einer Winterolympiade teil, die damals in Cortina d’Ampezzo stattfand. Von dort kehrten die Spieler mit Gold nach Hause. Seitdem herrschte in der Sowjetunion Konsens darüber, dass man bei der Winterolympiade in allen Disziplinen verlieren durfte, aber keinesfalls im Eishockey. Und daran wurde auch gemessen, ob das gesamte Olympiateam erfolgreich abgeschnitten hatte oder nicht.



Medaillenkampf nach Neustart

Während die sowjetische „rote Maschine“ Olympiasiege am Fließband feierte, erfreute die Mannschaft der GUS ihre Fans nur ein einziges Mal mit olympischem Gold, und zwar 1992 in Albertville, als sie nach dem Zerfall der Sowjetunion als „Vereintes Team“ auftrat. Zum ersten Mal war die russische Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 1992 zu sehen, wo sie im Viertelfinale ausschied. Und 1994 blieben die Eishockeyspieler bei den Spielen in Lillehammer zum ersten Mal ohne Medaille. Dieses Debakel beendete die Ära der Trainerlegende Viktor Tichonow, aber auch ohne ihn schaffte es die Eishockey-Nationalmannschaft nicht mehr aufs oberste Treppchen.

1998 schaffte sie es unter Wladimir Jursinow bis ins Finale, wo sie jedoch kein Mittel gegen den glänzenden Torwart der tschechischen Nationalmannschaft Dominik Hašek fand. Das Silber von Nagano musste man vier Jahre später in Salt Lake City gegen Bronze eintauschen. Den Weg ins Finale versperrten der Mannschaft von Wjatscheslaw Fetisow die USA unter Herb Brooks. Der Regisseur des berühmten „Miracle on Ice“, bei dem Studenten aus den USA bei den Olympischen Spielen 1980 der hochkarätig besetzten sowjetischen „Sbornaja“ Gold wegschnappten, erwies sich 22 Jahre später wieder als Schreckgespenst für die „rote Maschine“.

In Turin 2006 endete das Turnier mit der „Holzmedaille“, wie man den vierten Platz in Russland auch bezeichnet. Und in Vancouver ging die mit großen Namen gespickte Nationalmannschaft von Wjatscheslaw Bykow im Viertelfinale mit fliegenden Fahnen gegen die Kanadier unter: 3:7 lautete der Endstand.



Neuer Trainer, neues Team, neues Glück?

Dieses Fiasko zwang die Eishockey-Funktionäre dazu, das System, nach dem die Nationalmannschaft zusammengestellt wurde, zu überdenken. Der Trainerstab wurde erheblich erweitert. In Vancouver hatte die Nationalmannschaft nicht einmal einen Torwart-Trainer oder einen Manager, und die in der NHL aktiven Spieler wurden während der Saison kaum beobachtet.

Mit dem Amtsantritt von Cheftrainer Sinetula Biljaletdinow hielt eine merklich ernsthaftere Herangehensweise Einzug, was die Nationalmannschaft jedoch nicht vor dem nächsten Misserfolg bewahrte. Bei der Weltmeisterschaft 2013 musste die Mannschaft im Viertelfinale mit 3:8 eine herbe Schlappe gegen die USA einstecken, und im Laufe der Saison gab sie auch noch zwei Spiele bei ihren Heimauftritten in Sotschi ab – ausgerechnet in der Bolschoi-Arena, in der auch die Olympischen Spiele stattfinden.

Die verpatzte Generalprobe brachte Biljaletdinow in Rage. Er erklärte, dass einige der in Russland aktiven Eishockeyspieler sein Vertrauen nicht verdient hätten. Und so sind unter den 25 Namen nur neun aus der KHL zu finden.

Bei den Verteidigern stehen zwei „Russen“ sechs „Amerikanern“ gegenüber. Und bei den Stürmern können bestenfalls Radulow und Kowaltschuk auf längere Einsatzzeiten hoffen. Die anderen werden ins dritte und vierte Glied zurücktreten müssen, wo sie nach dem Konzept von Biljaletdinow verteidigen und den Gegner beschäftigen sollen, während sich die Topspieler erholen.

Im Gegensatz zu den Kanadiern, Amerikanern oder Schweden, die über ausreichend Spitzenspieler für zwei oder drei Mannschaften verfügen, ist Biljaletdinows Auswahl eher bescheiden. Bestenfalls im Tor sind keine Schwachstellen auszumachen – Warlamow und Bobrowski spielen eine hervorragende Saison.

Am problematischsten ist die Situation in der zentralen Spitze. Hier hat die russische Nationalmannschaft nur Malkin und Dazjuk aufzubieten und sonst niemanden auf ähnlichem Niveau. Auch die Abwehr erscheint nicht ganz sattelfest. Allein die Tatsache, dass der 39-jährige Sergej Gontschar bis zuletzt für die Fahrt nach Sotschi im Gespräch war, spricht Bände. Von denen, die in die Mannschaft berufen wurden, haben letztlich nur Jemelin, Woinow und Markow stabile Leistungen auf hohem Niveau vorzuweisen.

Wenn die russische Mannschaft Gold gewinnen möchte, dann geht das allem Anschein nach nur über den Teamgeist und die individuelle Klasse von Leuten wie Owetschkin, Dazjuk, Malkin, Semin, Radulow und Kowaltschuk. „Auf sich alleine gestellt ist man verloren. Wir brauchen eine geschlossene Mannschaft, in der alle an einem Strang ziehen. Genau das nennt man Mannschaftsdisziplin“, sagte Sinetula Biljaletdinow in einem Interview mit „RIA Nowosti“.



Sotschi 2014: Das Ziel ist Gold!

Natürlich gehört die russische Nationalmannschaft in Sotschi zu den Favoriten. Und die Fans erwarten Gold von ihr. Aber wer der Mannschaft nahe steht, schlägt eher leisere Töne an.

„Hauptsache, es sagt nachher niemand, dass die Mannschaft sich hat gehen lassen, schlecht eingestellt war oder den Gegner unterschätzt hat. Wir haben in dieser Hinsicht allerdings keine Zweifel: Jeder der Spieler wird sich für die Mannschaft zerreißen“, sagte der Präsident des russischen Eishockey-Verbands Wladislaw Tretjak.

Die Spieler selbst sehen Olympia ganz nüchtern entgegen. „Wenn alle meinen, dass wir nur auf Platz vier landen, soll uns das recht sein. Das macht uns die Sache nur leichter, denn dann können wir uns in aller Ruhe auf unser Spiel konzentrieren. Die Amerikaner sind auf dem Papier möglicherweise tatsächlich stärker einzuschätzen als Russland, aber Papier ist geduldig. Meiner Meinung nach müssen wir uns weder vor den Amerikanern noch vor den Kanadiern verstecken. Wir haben eine starke Mannschaft, und die Jungs sind inzwischen erfahrener“, erklärte Jewgeni Malkin gegenüber „RIA Nowosti“.

Alexandr Owetschkin pflichtet seinem Mannschaftskameraden bei und gibt sich betont selbstbewusst: „Wovor sollen wir Angst haben? Vor Namen? Das Spiel wird auf dem Eis entschieden. Ich denke, das klappt schon – wir haben eine gute Mannschaft. Das Wichtigste ist die mannschaftliche Geschlossenheit“, sagte er der „Rossijskaja Gaseta“ und fügte entschlossen hinzu: „Das Ziel ist klar: die Goldmedaille. Genau die werden wir anstreben. Es wird schwer, aber das ist unser Ziel.“

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