Eishockey: Mission Gold liegt in den Händen eines Tataren

Die russischen Eishockeyspieler fahren unter der Leitung von Sinetula Biljaletdinow nach Sotschi, um Gold zu holen.

Unter der Leitung von Sinetula Biljaletdinow bereitet sich das russsische Eishockeyteam auf Sotschi-2014. Foto: Reuters

Ilja Subko, für Russland HEUTE

Als die Verantwortlichen des russischen Eishockeyverbands im Sommer 2011 den Chefcoach der Nationalmannschaft Wjatscheslaw Bykow und seinem Assistenten Igor Sacharkin entließen, war allen Beteiligten klar, wer als erstes für die Nachfolge in Frage kommt. Nur einem Übungsleiter wurde es zugetraut, die Mannschaft auf die ersten Heimolympiade vorzubereiten: Sinetula Biljaletdinow. Er war zu dem Zeitpunkt auf seinem Höhepunkt als Klubtrainer. Russischer Meister mit Dynamo Moskau und AK Bars Kasan, zwei Gagarin-Pokale hintereinander mit Kasan – so eine Erfolgsbilanz konnte kein anderer russischer Profi vorweisen. Dazu hatte Biljaletdinow Arbeitserfahrung mit der Nationalmannschaft. Er fuhr nach Nagano 1998 und nach Salt Lake City 2002 als Assistent mit und durfte 2004 bis 2005 eine kurze Zeit lang die Sbornaja trainieren.

Interessant ist, dass er selbst die Position gar nicht unbedingt wollte. Statt der ruhigen Arbeit in Kasan, wo er sich in sieben Jahren Tätigkeit den Status eines Kulttrainers erarbeitet hatte, erhielt Sinetula eine Aufgabe vergleichbar mit dem Tanz auf der Rasierklinge, auch wenn sie mit Prestige verbunden war. Seit jeher, ob in der UdSSR oder in Russland, findet man, dass der Erfolg einer Winterolympiade von den Auftritten der Hockeyspieler abhängt. Wenn sie Gold holen, dann ist alles gut, aber wenn nicht, dann ist es eine Katastrophe – und zwar für die ganze Olympiamannschaft. Man muss nicht zusätzlich erwähnen, dass die Erwartungen und der Druck im heimischen Sotschi noch höher sein werden.



Eisenharter Verteidiger und erfolgreicher Coach

Biljaletdinow war 15 Jahre lang einer der besten Verteidiger in der Sowjetunion. Die anhaltende Treue zum Moskauer Eishockeyklub Dynamo verhinderte allerdings die Möglichkeit, die Landesmeisterschaften zu gewinnen: In der Ära der ZSKA-Hegemonie war das damals unmöglich. Deshalb war Sinetula nie nationaler Meister, obwohl er Olympiasieger von 1984 und vielfacher Welt- und Europameister wurde.

Sinetula Biljaletdinow war einer der ersten Trainer, die eine Einladung der NHL bekamen. Er arbeitete dort von 1993 bis 1997 zuerst als Assistent bei den Winnipeg Jets und danach bei den Chicago Blackhawks. Nach seiner Rückkehr nach Russland zu Dynamo Moskau hörte Biljaletdinow oft die Formulierung „sowjetischer Trainer mit kanadischer Ausrichtung“ über sich. Und er erhielt den amerikanischen Beinamen Bill. Er vereinte das Beste, was es in den Hockeyschulen auf beiden Seiten des Atlantiks gab und hob sich von seinen Kollegen ab. Schon im Jahr 2000 führte er Dynamo zum Sieg in der russischen nationalen Liga, dem Sieg, den er als Hockeyspieler nie errungen hatte.



Weltstars in Kasan

Vier Jahre später, als er eine Zeitlang im schweizerischen Lugano und für die russische Nationalmannschaft gearbeitet hatte, bekam Biljaletdinow ein sehr ernstes Angebot. Die kasanische Mannschaft AK Bars hatte 2005 das Ziel im Jahr des tausendjährigen Bestehens der Stadt Russlands Eishockey-Champion zu werden. Glückliche Fügung war es, dass die NHL-Saison 2004/2005 wegen eines Lock-outs abgesagt werden musste und viele der Top-Spieler in Russland anheuerten. AK Bars versammelte eine echte Weltauswahl: Nikolai Chabibulin, Vincent Lecavalier, Darius Kasparaitis, Dany Heatley, Wjatscheslaw Koslow, Alexei Kowaljow, Ilja Kowaltschuk und Michael Nylander.

Die Bosse des Klubs sahen es als logisch an, den wichtigsten und beliebtesten Klub Tatarstans auch einem ethnischen Tataren, Biljaletdinow, anzuvertrauen. Doch der bestand schon die allererste Probe nicht und verlor in der ersten Runde der Play-offs gegen Lokomotive Jaroslawl. Champion wurde Dynamo Moskau, aber nun ohne Biljaletdinow.

Nach der Saison erwarteten viele, dass der Trainer mit dem ersten Flugzeug aus Kasan verschwindet, doch AK Bars trennte sich, erstaunlicherweise, nicht von ihm. Und schon im nächsten Jahr feierte man sie als Russlands Champions. Danach gewannen sie zwei Mal in Folge den Gagarin-Pokal. So wurde Biljaletdinow zum besttitulierten Trainer der Geschichte Russlands. Und so durfte er 2011 die Nationalmannschaft des Landes unter seine Fittiche nehmen.



Angriff oder Verteidigung?

In der Nationalmannschaft richtete Biljaletdinow ein erstklassiges Defensivverhalten ein. Der ehemalige Verteidiger schenkt diesem Spielaspekt besondere Beachtung. Damit wurde gleich die Weltmeisterschaft 2012 ohne Niederlage gewonnen. Allerdings war auch die Aufstellung der Russen um einiges besser, als die der Konkurrenten. Ein Jahr später, als man ohne Malkin und Dazjuk spielen musste, erlitt die Nationalmannschaft eine der schmachvollsten Niederlagen ihrer Geschichte: Im Viertelfinale schossen die Amerikaner die Mannschaft Biljaletdinows mit 8:3 ab. „Denken Sie, dass ich mich nicht schäme? So habe ich noch nie verloren“, sagte Biljaletdinow nach diesem Waterloo.

Dennoch führt er die Taktik fort, die bei vielen Fragen aufwirft. In seiner Nationalmannschaft spielen zwei Mannschaftsteile mit einem Akzent auf Attacke, während die Aufgabe der anderen zwei im Fünf-Mann-Team das Aufhalten der Gegner darstellt. Deshalb stehen im Team für Sotschi auch nicht die stärksten Angriffsspieler, wenn man nach KHL-Maßstäben bewertet. Sie schießen nicht die meisten Tore, zerstören aber gekonnt. Ein solcher Stil ruft bei manchen Fans Missfallen hervor, doch sollte das Team in Sotschi Gold holen, würde man Biljaletdinow sicherlich verzeihen.

Biljaletdinow versteht wie kein anderer, was von ihm bei Olympia erwartet wird. Im Interview gegenüber „RIA Nowosti“ antwortet er auf die Frage, ob dieser Wettkampf der wichtigste seines Lebens sein wird, ausweichend: „Das ist wichtig für mich. Ich bin auf zwei Olympiaden als Spieler gewesen, auf einer als Assistent des Trainers und jetzt gehe ich selber als Haupttrainer dorthin. Das ist für mich eine besondere Herausforderung, eine Möglichkeit, mich selbst und meine Kenntnisse zu überprüfen. Ich werde versuchen, alles Notwendige für den Triumph zu tun.“

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