Der Olympia-Traum der russischen Alpinskifahrer

Nach dem Misserfolg in Vancouver hoffen die russischen paralympischen Alpinskifahrer auf Medaillen in Sotschi. Russland HEUTE stellt das russische Team und seine Erwartungen an die Paralympics vor.

Alexandra und Iwan Franzew. Foto aus dem persönlichen Archiv

Anna Timofejewa, Anna Bondarenko, Ilja Triswjatskij, für Russland HEUTE

Vor vier Jahren wurden bei den Paralympischen Spielen im kanadischen Vancouver 30 Goldmedaillen unter den Alpinskifahrern verteilt, Russland bekam keine einzige davon. Alle russischen Siege und Podiumsplätze 2010 entfielen auf den Biathlon und Skilanglauf. Zur diesjährigen, heimischen Paralympiade in Sotschi dürfte die Situation aber anders aussehen.

Während der Zeit, die seit Vancouver vergangen ist, hat man es in Russland geschafft, eine starke Paralympia-Mannschaft aufzubauen. Die Anzahl und Qualität der Trainingstreffen wurde erhöht und das russische Paralympiakomitee tätigte viele Neuanschaffungen. Alpinskifahrer erhielten die Möglichkeit, ihr Können auf einer größeren Anzahl von Strecken zu verbessern. Ausdruck des neuen Selbstbewusstseins ist, dass das Tragen der Nationalfahne bei der Eröffnungsfeier dem Skifahrer Walerij Redkosubow anvertraut wurde. Das ist ein Zeichen, dass man an die Sportler glaubt.

 

Alexej Bugajew: „Meine Zeit ist gekommen“

Der 16-jährige Alexej Bugajew gewann letztes Jahr den Europacup im Wettbewerb der Sportler mit Störungen im Bewegungsapparat und wurde Russlands Champion. Schon mit 14 Jahren war niemand in seiner Altersklasse Bugajew gewachsen, er gewann alles, was es unter den Junioren zu gewinnen gab, und wartete ungeduldig auf seinen 15. Geburtstag, um bei den Erwachsenen starten zu dürfen.

Sein Warten war, wie sich herausstellte, nicht umsonst. Bereits den ersten Wettkampf, den Europacup, gewann er. Heute ist der gebürtige Krasnojarsker in den Top-Positionen des Weltrankings im Ski-Slalom geführt. Seinen eigenen Worten zufolge ist das aber erst der Anfang. Sein Traum ist von Kindheit an eine olympische Medaille: „Ich möchte unbedingt die Paralympischen Spiele gewinnen. Ich habe viel dafür gearbeitet und will beweisen, dass ich diese große Ehre wert bin.“

Seine Mutter Tatjana Bugajewa hat keine Zweifel am Sieg des Sohnes: „Mein Sohn hat eine Dysmelie des rechten Handgelenks. Seit seiner Kindheit versuchten wir, ihn an seine Umgebung zu gewöhnen, wir wollten auf jeden Fall verhindern, dass er sich ‚zweitrangig‘ vorkommt. Deshalb sind wir immer in die Natur gefahren und haben eine aktive und sportliche Lebensweise geführt. Mit sechs Jahren sind wir mit dem Schlitten auf den Nikolajew-Berg bei Krasnojarsk gefahren und haben dort Kinder auf Skiern gesehen. Alexej hatte gleich das eigene Schlittenfahren vergessen und schaute nur zu, wie sie fuhren. Ich habe ihn gefragt, ob er das auch will, und er antwortete: ‚Will ich‘. Dann haben wir ihn in die Skischule gebracht. Schon in den ersten Jahren begann er, sich dem Sport ernsthaft zu widmen, er hat viele Rennen gewonnen und der Schrank zu Hause füllte sich mit Pokalen und Medaillen. Das letzte Jahr war komplett voll mit Wettkämpfen, so sehr wollte er in die paralympische Mannschaft kommen. Nun hat er es geschafft! Ich bin sicher, auch diesmal schafft er den Sieg!“

Bugajew ist jetzt in Sotschi. Er hat die Olympiastrecke schon mehrmals getestet und sie mittlerweile liebgewonnen: „Das ist meine Strecke“, sagt der junge Champion und erklärt: „Bei mir klappen steile Pisten besser als flache, weil mein Gewicht nicht so groß ist. Aber allzu locker sollte ich es nicht nehmen. Im Sport darf man sich nie zu sicher sein, dass man gewinnen wird. Man kann mit 15 Jahren auf seinem Höhepunkt sein und mit 16 oder 17 verlieren und mit 18 wieder beste Ergebnisse zeigen. Alles steckt in der täglichen Arbeit und im Training. Durstig nach Siegen sollte man nicht sein, aber ich hoffe, dass meine Zeit gekommen ist.“

 

Alexandra und Iwan Franzew: Als Geschwister zu Gold

Alexandra und Iwan Franzew haben seit ihrer Kindheit große Probleme mit den Augen. Alexandra trug Brillen mit dicken Linsen und wurde oft gehänselt. Das habe sie, wie sie gesteht, abgehärtet. Zum alpinen Skisport kam die auf Kamtschatka geborene Sportlerin vor zehn Jahren, als sie 16 Jahre alt war. Für Alpinsport war das relativ spät, aber Alexandra hat auch nicht an Erfolge und Auszeichnungen gedacht. Ihre Aufgabe war es, ihren Bruder zu unterstützen. Der damals 14-jährige Iwan durchlebte gerade eine schwierige Pubertät, schmiss die Schule und lief von zu Hause weg. Wie auch seine ältere Schwester leidet Iwan seit seiner Geburt an einer Augenerkrankung und sieht nur Konturen und Farbflecken.

„Unsere Alexandra nennen wir unter uns ‚Eiserne Lady‘. Sie hat einen festen Charakter und schafft alle Hindernisse“, sagt die Trainerin der Sportlerin Polina Popowa. „Der Alpinskisport ist eine harte Sportart: Gehirnerschütterungen, Prellungen und Knochenbrüche sind hier keine Seltenheit. Aber sie erträgt alles stoisch und geht jedes Mal wieder auf die Strecke.“

Zusammen mit ihren Eltern wandte sich Alexandra an ein Zentrum für paralympische Sportarten. Iwan, den man zuerst zum Training schleppen musste, gewann nur langsam den Geschmack daran. Dann hatte seine Schwester einen schweren Unfall. „Man sprach von einer Amputation des Beins, aber der Arzt konnte das verhindern. Er hat das Bein buchstäblich aus kleinsten Stücken wieder zusammengebaut“, erinnert sich Polina.

Es war dieser Arzt, der der jungen Frau geholfen hat, ihre Wahl zu treffen. Er sagte ihr: „Du sollst dich nicht des Spaßes halber kaputt machen. Wenn du schon Skier gewählt hast, dann mach das professionell.“ Für Alexandra war das ein Zeitpunkt des Umbruchs, sie dachte ernsthaft darüber nach und begann, die Sache mit dem Sport ernsthaft anzugehen. Dem Schmerz und den Tränen zum Trotz hinkte sie in den Kraftraum und konnte bald wieder auf Skiern stehen.

Während die Schwester mit zusammengebissenen Zähnen wieder das Laufen lernte, begann Iwan, seine ersten Siege zu erringen. Heute ist Iwan Franzew Silber- und Bronzesieger bei Europacup-Rennen und wurde 2013 Weltmeister. Nicht weniger Titel und Siege kann seine Schwester vorweisen. 2011 wurde sie bei der Weltmeisterschaft des IPC im Alpinskifahren Zweite in der Superkombination, im Riesenslalom und im Super-G sowie Dritte im Slalom und in der Abfahrt. Ein Jahr später gewann sie das Finale des Worldcups des IPC  im Alpinskisport in den Geschwindigkeitsdisziplinen und errang den Titel der Gesamt-Weltcup-Siegerin.

2010 wurde Alexandra Franzew Sechste bei der Paralympiade in Vancouver, Iwan nahm zwei siebte und einen dreizehnten Platz in verschiedenen Disziplinen ein. In Sotschi wollen sie nun mehr erreichen.

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