Altstar des Rodelns: Albert Demtschenko

Der Altmeister des russischen Rodelns im Porträt

Albert Demtschenko gehört in Sotchi zu den Favoriten. Foto: ITAR-TASS

Ilja Soboljew, für Russland HEUTE

Nach eigenen Angaben ist Demtschenko zum Rodeln gekommen, weil es im Städtchen Tschusowoj im Gebiet Perm, seinem Geburtsort, nur drei Sektionen für Wintersport gab: eine für Ski Alpin, eine für Langlauf und eine fürs Rodeln. Für die erste war er zu jung, und auch mit dem Langlauf wollte es bei Albert nicht so recht klappen. Einer seiner Läufe endete damit, dass sich der junge Demtschenko im Wald verirrte und erst Stunden später wieder zurückfand: „Danach habe ich es vermieden, zu weit in den Wald hinein zu gehen, und lange Strecken habe ich beim Langlauf nicht mehr absolviert.“ Übrig blieb also das Rodeln.

Der junge Sportler startete mit einer Silbermedaille bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Winterberg. 1990 wurde er mit 19 Jahren in die Herren-Mannschaft berufen, weitere zwei Jahre später fuhr er zu seinen ersten Olympischen Spielen nach Albertville. Dort konnte er, genau wie bei seinen nächsten Spielen in Lillehammer, mit Platz acht beziehungsweise zehn noch keine Lorbeeren ernten. Aber schließlich konnte man von einem Sportler aus einem Land, das nicht einmal eine eigene Rodel- und Bobbahn hatte, auch nicht viel erwarten. Aber es ging damals auch nicht um die sportlichen Ergebnisse.

„Vor Albert muss man den Hut ziehen“, sagt der Vizepräsident des russischen Rodelverbandes Waleri Silakow anerkennend. „Er hat in den 1990er-Jahren die schwierigsten Zeiten mitgemacht, und zwar nicht nur für unseren Sport, sondern auch für das Land insgesamt. Damals gab es praktisch keine Finanzierung, zeitweise haben wir sogar gehungert. Albert war der einzige, der das alles durchgehalten hat und dabeigeblieben ist. Selbst sein Teamkollege Alexej Selenski, mit dem er im Doppelsitzer fuhr, musste dem Rodeln den Rücken kehren.“

Demtschenko selbst erzählte einmal, wie er auf dem Bauernmarkt mit Schweinfleisch handeln musste – glücklicherweise hatte der Vater eine Schweinemast mit 50 Tieren. Außerdem arbeitete der spätere Olympiamedaillengewinner als Kraftfahrer und Ladearbeiter. Trotz dieses Arbeitspensums schaffte er es auch noch zu trainieren. Und er war erfolgreich: 1996 fuhr Demtschenko bei der Europameisterschaft Silber im Einzel und Bronze im Doppelsitzer ein. 1998 beschloss er, sich ausschließlich auf den Einzelwettbewerb zu konzentrieren.

Steil nach oben ging es in der Karriere von Demtschenko Mitte der 2000er-Jahre. In der Saison 2004/2005 gewann der russische Rodler den Weltcup, ein Jahr später holte er bei Olympia 2006 in Turin Silber. Übrigens hätte er die Spiele in Turin um ein Haar verpasst. Nach einer Blinddarmoperation hatte man vergessen, ihm den Beatmungsschlauch aus dem Hals zu nehmen – die Narbe von der erneuten Operation ist noch heute sichtbar.

Der zweite Platz in Turin war eine Sensation: Demtschenko musste lediglich seinem ewigen Rivalen, dem Italiener Armin Zöggeler, den Vortritt lassen, obwohl er unterwegs einen neuen olympischen Streckenrekord aufstellte. Von Gold trennten ihn nur 29 Tausendstelsekunden. „Aber da war mein Ehrgeiz erst richtig geweckt! Mal sehen, was in Vancouver drin ist!“, verkündete der Medaillengewinner damals.

Aber bei der Olympiade 2010, zu der Albert Demtschenko als einer der Favoriten angereist war, sollte es leider nicht klappen. Daran waren auch objektive Faktoren schuld. Wegen des tödlichen Unfalls eines georgischen Rodlers wurde die Strecke verkürzt, was dem russischen Rodler nicht entgegenkam. Schließlich musste er sich mit dem vierten Platz begnügen, wobei es wieder einmal Zöggeler war, der Demtschenko die Bronzemedaille wegschnappte.

„Ich habe schon vor Vancouver beschlossen, dass ich weitermache“, ließ Albert Demtschenko in einem Interview wissen. „Ich möchte bei meiner Heimolympiade antreten. Und was am Wichtigsten ist: Ich habe das Gefühl, dass ich mich gut vorbereiten und um die Medaillen mitkämpfen kann.“ Seine Ergebnisse bestätigen das. Bei der Weltmeisterschaft 2012 in Altenberg holte Demtschenko zweimal Silber.

Die diesjährige Saison hat für den russischen „Chefrodler“ allerdings nicht allzu vielversprechend begonnen. Bei den ersten Wettkämpfen war der Russe weit von den Medaillenrängen entfernt. „Die ganze Vorbereitung ist ausschließlich auf ein gutes Abschneiden bei den Olympischen Spielen in Sotschi hin ausgerichtet“, erklärt der Präsident des Rodelverbands Silakow. „Die ersten Rennen um den Weltcup liefen für Demtschenko normal. Ein siebter und ein zehnter Platz sind am Anfang der Saison normale Ergebnisse. Die Vorbereitung zu forsch anzugehen, hätte keinen Sinn gehabt, aber während der letzten Vorbereitungen in Sotschi hat Albert an seinem Schlitten gearbeitet.“

Apropos Schlitten: Die Schlitten von Demtschenko sind diese Saison außergewöhnlich, denn bei denen hatten die Mechaniker des Formel-1-Rennstalls von Marussia die Finger im Spiel. Und was die Aerodynamik und andere Feinheiten betrifft, die für den Rodler so wichtig sind, macht denen sicher so schnell niemand etwas vor.

Demtschenkos Hauptprobleme sieht Walter Plaikner, der russische Nationalcoach, bei seinen Schwächen am Start. „Unterwegs auf der Strecke ist er zweifellos top – was Technik, Erfahrung und Streckenkenntnis angeht, kann niemand in der russischen Mannschaft Demtschenko das Wasser reichen. Aber er muss an seiner Schnelligkeit beim Start arbeiten – die Konkurrenz in Sotschi ist enorm.“

In Sotschi gehört er zu den Favoriten. Zöggeler, der ebenfalls wieder mit von der Partie ist, hat bereits angedeutet, dass die Olympiastrecke für den Rodelwettbewerb Demtschenko mit seinem hohen Gewicht auf den Leib geschnitten sei. Der Deutsche Felix Loch, der in Vancouver Gold geholt hat, steht dem Russen bei den physischen Daten jedoch in nichts nach. Es wird also ein harter Kampf.

Demtschenkos bisherige Olympia-Erinnerungen fasste er einmal so zusammen: „Die Atomsphäre bei deinen Wettkämpfen bekommst du mit, aber alles, was außenherum geschieht, nicht. Du hast dein Gerät, mit dem du gearbeitet hast, gehst ins Hotel, packst deine Sachen, am Morgen setzt man dich um sechs Uhr früh in einen Bus und um acht geht’s ab in die Heimat.“ So wird es diesmal sicher nicht ablaufen.

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